DoKo18 Kunst-Geschichte-Unterricht

Titelbild: Blick ins „Barbara Inn – Demonstrationsraum zur Heiligen Barbara“. Präsentation eines jahrgangsübergreifenden Unterrichtsprojekts im Rahmen des doko18 (Konzeption: Frank Schulz, Manja Teich und Steffen Wachter, BIP Kreativitätsgymnasium Leipzig)

Eine kunstpädagogische Reise zurück in die Zukunft.
Bericht von der ersten Etappe: Leipzig (doko18 Part 1)

Zur aktuellen Kunstgeschichts-Offensive von  Johannes Kirschenmann, Frank Schulz und Lars Zumbansen gehört das neue kunstpädagogische Doppelkongressformat „doko18“. Der „Part 1“ fand vom 23. bis 24.03.2018 als Forschungstagung und Fortbildungsangebot für die kunstpädagogische Praxis am Institut für Kunstpädagogik der Universität Leipzig statt; die Fortsetzung folgt als „Part 2“ vom 15. bis 17.11.2018 an der Akademie der Bildenden Künste in München.

Angelegt als interdisziplinäre, Theorie und schulische Praxis verknüpfende Veranstaltung soll die Zusammenkunft von Kunstpädagoginnen und Kunstpädagogen mit Vertreterinnen und Vertretern aus Kunstgeschichte, Kunst und angrenzenden Fächern unter dem Motto „Zurück in die Zukunft“ die Gelegenheit geben, Kunstgeschichte als ein faszinierendes und spannendes Erkenntnisfeld mit besonderen Potenzialen für den Kunstunterricht neu zu entdecken.

Struktur und Rahmen

In Leipzig geschah dies in fünf Plenarvorträgen sowie vier Panels der parallelen Arbeit in elf thematischen „Sektionen“. Diese fächerten das Kongressthema „Kunst • Geschichte • Unterricht“ nach aktuellen kunstpädagogischen Handlungsfeldern und Fragestellungen weiter auf und ermöglichten den über 350 Teilnehmenden die vertiefte Auseinandersetzung u. a. mit kunstgeschichtlichen „Relationen“, „Schnittstellen“ und „transkulturellen Prozessen“, elementarpädagogischen Herangehensweisen oder Fragen der Inklusion und Diversität (Abb. 1 u. 2). Ein umfangreiches und anregendes Abend- und Rahmenprogramm mit Ausstellungen (Abb. 3), Atelierfest, Performances, Medienworkshop, Verlagspräsentationen und Spinnerei-Rundgang schuf einen anregenden Rahmen für weiterführende und informelle Begegnungen mit dem Thema und den Teilnehmenden des Kongresses. Nicht nur deshalb erwies sich Leipzig als hervorragender Tagungsort. Das Veranstaltungsteam rund um Institutsleiter Frank Schulz sorgte für eine unaufgeregte, reibungslose Organisation sowie eine konstruktive und angenehme Arbeitsatmosphäre. Auch die Lage inmitten der geschichtsträchtigen Leipziger Innenstadt war passend. So begegneten die Kongressteilnehmenden beim Weg von bzw. zur Tagungsstätte immer wieder dem Slogan im Schaufenster des Zeitgeschichtlichen Forums, der die weit über das Fach Kunst hinausreichende Bedeutung von Geschichte, die sich in den Bildern der Kunst zeigt, in Erinnerung rief: „Warnung: Geschichte kann zu Einsichten führen und verursacht Bewusstsein.“

Vorträge

Das Plenum wurde von dem Kunstwissenschaftler Wolfgang Ullrich mit einem kontroversen Vortrag über zeitgenössische Aneignungspraktiken kunsthistorischer Bilder eröffnet (Abb. 4). Der postkoloniale, hochpotente Kunstmarkt mache heute keinen Unterschied mehr zwischen zeitgenössischen Kunstschaffenden wie Mark Rothko oder Jean-Michel Basquiat und Alten Meistern wie Leonardo da Vinci. Was zähle, sei in erster Linie der kommerzialisierbare Kult der Künstler-Superstars. Ullrich zeigte an einer Reihe von Beispielen, u. a. im Verweis auf die Konzeption der letztjährigen Documenta 14, dass viele Indizien auf das von Hans Belting bereits 1995 prognostizierte Ende der westlichen Kunstgeschichte hindeuten. Diese ziehe nicht nur die Dekonstruktion herrschender Kategorien und die Pluralisierung der Diskurse nach sich, sondern bedeute den endgültigen Abschied vom geschichtlichen Denken überhaupt. Kunst werde heute entweder nach der Eignung als Markenprodukt oder als Medium der Anklage und Politisierung betrachtet. Nicht nur die kunstgeschichtliche Bedeutung, auch der Typus des autonomen Künstlers, der autonomen Künstlerin gerieten in eine Rand-/Nischenposition und sind, so Ullrich, im Begriff ganz zu verschwinden.

Derartig eingenordet folgte man gespannt den Ausführungen des Leipziger Kunsthistorikers Martin Schieder über die Techniken und Strategien visueller Zeitgeschichte im Spiegel von Medialisierung. Als vermeintlich authentische Darstellungen von Geschichte und als persönliche Bekenntnisse von Zeitzeugen werden Kunstwerke erstmals im Mittelalter rezipiert. Über die Epochen hinweg stellen Kunstschaffende immer wieder selbst den Anspruch der Augenzeugenschaft an ihre Werke, wie Schieder eindrucksvoll an den Entstehungshintergründen von Gericaults „Floß der Medusa“ (1819) rekonstruierte. Mit der Übertragung des Terroranschlags von 9/11 in Echtzeit (2001) beginnt für ihn auch eine neue Form der Berichterstattung: live, embedded, digital, virtuell. Medienbilder werden zu Ikonen und der faktenschaffende Bildakt ist genau so wirksam wie das abgebildete Ereignis. Das Ereignis selbst ist nur als Bildereignis bedeutend, das Bildbetrachten wird zur Beteiligung. Diese Diagnose des Kunsthistorikers Horst Bredekamp wendete Schieder in seinem Vortrag sowohl auf historische als auch aktuelle Bilder an und regte durch seine epochenübergreifende, vergleichende Kunstbetrachtung zu einer sensibilisierten und präzisierten Bildwahrnehmung insgesamt an.

Julia Voss lockerte die ansonsten ausschließlich männlich besetzte Rednerliste am Ende des ersten Kongresstages in mehrfacher Hinsicht auf. Die Kunstkritikerin appellierte an die Kunstpädagoginnen und Kunstpädagogen im Saal, auch im Kunstunterricht darauf vorzubereiten, dass die Kunstwelt sich in einem Umbruch befindet. Mit der Schilderung einer „kleinen Geschichte des Kunstmarkts“ rückte Voss dann nach Ullrich erneut den kommerziellen Aspekt von Kunst ins Zentrum. Die etwas zu naheliegende Begründung hierfür lieferte die Rednerin selbst: Weil der Kunstmarkt und die dort erzielten Verkaufssummen alters- und milieuübergreifend interessieren! Voss zeigte, dass der europäische Kunstmarkt schon immer von Merkmalen wie Internationalität, Spekulation und Angebotsverknappung gekennzeichnet war und ist. Als neue, kritische Entwicklung sah sie aber das zu enge Zusammenspiel von Museum und Markt und die Erweiterung der Museumstypologie um Museen, die öffentliche Gelder dafür nutzen, Wertsteigerungen für private Schenker/-innen bzw. Sammler/-innen zu generieren.

Clemens Höxter, ehemaliger langjähriger BDK-Vorsitzender und aktuell Leiter des Referats Kulturelle Bildung, setzte in seinem Vortrag am nächsten Morgen ganz auf die Bildungskraft, die in der Auseinandersetzung mit historischen Kunstwerken liege. Er verglich die Kunstrezeption im 19. Jahrhundert mit modernen und aktuellen Wahrnehmungen, befragte und zitierte hierfür – durchaus mit Humor und Ironie – die Interpretationen historischer Größen wie Winkelmann und Hegel. Aus der Betrachtung des klassizistischen Monumentalgemäldes „Blick in Griechenlands Blüte“ (1824–1825), das der Maler Karl Friedrich Schinkel selbst als „Bildungsbild“ bezeichnete, leitete Höxter wichtige Fragen ab, die die Zuhörenden mit in die Weiterarbeit in den Sektionen nahmen: Wie sieht die Baustelle aus, auf der die heutige Bildung im Allgemeinen gebaut wird? Wie sähe das heutige Bild von allgemeiner Bildung aus?

Kunibert Bering, der jüngst gemeinsam mit Rolf Niehoff kunstpädagogische Anregungen für eine „Bild-/Kunstgeschichte“ (Athena-Verlag) vorgelegt hat, rückte abschließend eine dezidiert kunstpädagogische und kunstdidaktische Fragestellung in den Vordergrund: Welches historische Bewusstsein können wir von Heranwachsenden erwarten, wenn wir daran mit Kunstgeschichte andocken wollen? Ein besonderes Potenzial für den Kunstunterricht sah er in der Verknüpfung historischer Inhalte mit der Lebenswelt der Lernenden. Die möglichen Bezugspunkte sind vielfältig, denn die Bilderwelt der Gegenwart füllt sich, so Bering, aus dem Bilderreservoir der Vergangenheit. Nicht nur Computerspiele, Spielzeuge, Filme und TV-Serien – von Mode-Werbung bis IS-Propaganda – rekurrieren verschiedenste Bildproduzierende auf die Tradition der westlichen Kunstgeschichte. Bering konstatierte: „Diese Bildfindungsprozesse von der Vergangenheit zur Gegenwart sind nicht linear, sondern verschlungen, sprunghaft, brüchig, lückenhaft. Die objektive Verbindung zwischen den Bilderwelten der Vergangenheit und der Gegenwart besteht in der Chronologie. Alle anderen Bezüge sind verhandelbar.“ Dass die von der Lebenswelt der Heranwachsenden ausgehende Auseinandersetzung mit Kunstgeschichte einen wichtigen Kompetenzbereich des Kunstunterrichts darstellen muss, wurde an Berings Ausführungen eindrücklich belegt.

Fazit und Ausblick

Die Plenarvorträge und die Sektionsarbeit werden im Nachgang der Veranstaltung sukzessive dokumentiert und den Teilnehmenden auf der Kongress-Website zugänglich gemacht. Dies ist sehr zu begrüßen, da in Leipzig selbst ein Austausch nach den Vorträgen und zwischen den Sektionen nur in informellen Gesprächen stattfand; die sonst obligatorische Fragerunde nach den Vorträgen und die Präsentation von ersten Ergebnissen aus den Arbeitsgruppen mussten angesichts des äußerst dichten Programms leider entfallen.

Offenkundig haben die Kongressleiter das richtige Gespür bewiesen, mit der Kunstgeschichte einem häufig vernachlässigten Thema neues Gewicht zu verleihen. Die Fortsetzung der Arbeit an den kunstpädagogischen Potentialen und Herausforderungen der Kunstgeschichte in Part 2 – in denselben Sektionen, mit z. T. neuen Plenarreferierenden – macht deshalb Sinn. Zurück in die Zukunft. Auf nach München!

Weitere Informationen zum doko18, die Dokumentation von Part 1 sowie das Anmeldeformular für Part 2 finden Sie unter http://www.doko18.de. Die Teilnahme in München ist auch ohne vorherige Teilnahme in Leipzig möglich.

 

Abb1
Abb. 1
Abb2
Abb. 2
Abb3
Abb. 3
Abb4
Abb. 4

Abbildungen

Abb. 1 Individuelle Zugänge zu kunsthistorischen Werken (Sektion VII Lernortwechsel)

Abb. 2 Lockerungen im Umgang mit Kunstgeschichte (Sektion VII Lernortwechsel)

Abb. 3 Blick ins „Barbara Inn – Demonstrationsraum zur Heiligen Barbara“. Präsentation eines jahrgangsübergreifenden Unterrichtsprojekts im Rahmen des doko18 (Konzeption: Frank Schulz, Manja Teich und Steffen Wachter, BIP Kreativitätsgymnasium Leipzig)

Abb. 4 Kongresseröffnung mit einem Vortrag von Wolfgang Ullrich

 

Dieser Tagungsbericht ist erschienen in: BDK-Mitteilungen 03/2018.

 

 

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